Die psychotherapeutische Landschaft zeichnet sich durch eine Vielzahl von Verfahren aus, die auf unterschiedliche Störungsbilder, Bedürfnisse und Kontexte zugeschnitten sind. Zwei Ansätze, die in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus geraten sind, sind die Kurzzeit-psychoanalytische unterstützende Psychotherapie (SPSP) sowie die Schematherapie. Beide Verfahren adressieren tief verankerte intrapsychische Muster, unterscheiden sich jedoch in theoretischer Fundierung, Zielsetzung, Dauer und methodischem Vorgehen.
Die SPSP stellt ein manualisiertes, zeitlich begrenztes Verfahren dar, das auf psychoanalytischen Grundannahmen basiert, jedoch durch eine stärkere Strukturierung und einen explizit stützenden Fokus gekennzeichnet ist. SPSP ist als psychodynamisch fundiertes Verfahren zu klassifizieren, da sie zentrale psychoanalytische Grundannahmen integriert: Psychische Symptome werden als Ausdruck intrapsychischer Konflikte verstanden, unbewusste Prozesse modulieren das Erleben und Verhalten der Patient:innen, und die therapeutische Beziehung dient als zentrales Instrument zur Exploration und Bearbeitung dieser Konflikte. Die Therapie umfasst in der Regel 12–25 Sitzungen. Bereits zu Beginn wird gemeinsam ein klar umrissener Fokuskonflikt definiert, an dem die therapeutische Arbeit ausgerichtet wird. Im Zentrum stehen eine begrenzte, vorsichtige Deutungsarbeit, ein aktiver therapeutischer Dialog sowie die Stärkung von Ressourcen und Bewältigungskompetenzen. Tiefgreifende Regressionen werden weitgehend vermieden. Die Intervention dient primär der Stabilisierung von Patient:innen in akuten Belastungssituationen oder bei umschriebenen Konfliktkonstellationen. Neben der Symptomreduktion steht die Wiederherstellung psychischer Funktionsfähigkeit und die Förderung adaptiver Copingstrategien im Vordergrund.
SPSP ist somit als pragmatisches Verfahren zu verstehen, das insbesondere für Patient:innen geeignet ist, die von einer fokussierten, zeitlich überschaubaren Intervention profitieren, ohne sich auf einen langwierigen analytischen Prozess einzulassen.
Die von Jeffrey Young entwickelte Schematherapie gilt als integratives Verfahren, das kognitiv-verhaltenstherapeutische, bindungstheoretische, gestalttherapeutische und psychodynamische Elemente in einem kohärenten Rahmen vereint. Psychopathologische Entwicklungen werden auf die Ausbildung sogenannter früher maladaptiver Schemata zurückgeführt. Diese umfassen tief verankerte kognitive und emotionale Muster, die in belastenden Kindheitserfahrungen entstehen (z. B. „Ich bin nicht liebenswert“) und das Erleben sowie Verhalten im Erwachsenenalter nachhaltig prägen. Neben kognitiven Umstrukturierungen kommen erlebnisorientierte Interventionen wie Imagination, Rollenspiele oder die Arbeit mit verschiedenen „Stühlen“ (Stuhldialoge) zum Einsatz. Das Modusmodell beschreibt die Aktivierung verschiedener innerpsychischer Zustände (z. B. verletztes Kind, wütendes Kind, strafender Elternteil, gesunder Erwachsener), deren Bewusstmachung und Modifikation im Zentrum der Therapie steht. Vorrangig ist die Veränderung dysfunktionaler Schemata, die Heilung emotionaler Grundbedürfnisse und die Stärkung eines funktionalen „gesunden Erwachsenen“-Modus.
Empirisch belegt ist die Wirksamkeit der Schematherapie insbesondere bei chronischen Störungen, etwa bei Persönlichkeitsstörungen, rezidivierenden depressiven Episoden oder persistierenden interpersonellen Problematiken.
Während die SPSP durch eine fokussierte, supportive und zeitlich begrenzte Arbeitsweise überzeugt und damit insbesondere für akute Kriseninterventionen oder klar umrissene Konflikte indiziert ist, verfolgt die Schematherapie einen langfristigen, strukturell orientierten Ansatz, der auf die Transformation tief verankerter maladaptiver Muster abzielt.
Beide Verfahren spiegeln die Flexibilität und Weiterentwicklung moderner Psychotherapie wider und eröffnen – abhängig von Störungsbild, Motivation und Ressourcen der Patient:innen – unterschiedliche, komplementäre Wege zur Wiederherstellung und Stabilisierung psychischer Gesundheit.
Quellen:
Arntz, A., & Jacob, G. (2012). Schema Therapy in Practice: An Introductory Guide to the Schema Mode Approach. Wiley-Blackwell.
Jacob, G., & Arntz, A. (2013). Schema Therapy: A Practitioner’s Guide. Hogrefe.
Leichsenring, F. (2005). Are psychodynamic and psychoanalytic therapies effective? International Journal of Psychoanalysis, 86(3), 841–868.
Leichsenring, F., & Leibing, E. (2007). Supportive-Expressive Psychotherapy: A treatment manual. American Journal of Psychotherapy, 61(3), 229–245.
Luborsky, L. (1984). Principles of Psychoanalytic Psychotherapy: A Manual for Supportive-Expressive Treatment. Basic Books.
Renner, F., Arntz, A., Leeuw, I., & Huibers, M. (2016). Treatment for chronic depression using schema therapy. Clinical Psychology: Science and Practice, 23(2), 140–157.
Young, J. E., Klosko, J. S., & Weishaar, M. E. (2003). Schema Therapy: A Practitioner’s Guide. Guilford Press.
Komorbide Depressionen und Persönlichkeitsstörungen sind durch chronische Verläufe, hohe Rückfallquoten und eine ausgeprägte psychosoziale Beeinträchtigung gekennzeichnet. Therapeutisch stellen sie eine der größten Herausforderungen im klinischen Alltag dar. Die Frage nach der geeigneten Methode sowie nach der optimalen Therapiedauer ist daher von hoher klinischer Relevanz. Die vorliegende Studie (Kool et al., 2024) liefert hierzu wichtige empirische Erkenntnisse, indem sie die Wirksamkeit zweier anerkannter Verfahren – Schema-Therapie (ST) und kurzzeitige psychoanalytisch unterstützende Psychotherapie (SPSP) – in unterschiedlichen Behandlungsdosen untersucht.
Die SPSP ist ein psychodynamisch fundiertes, manualisiertes Kurzzeitverfahren. Ihr Schwerpunkt liegt in der Bearbeitung zentraler Konfliktkonstellationen innerhalb eines klar strukturierten, stützenden Rahmens. Die Therapie verzichtet weitgehend auf tiefenregressive Techniken und setzt stattdessen auf Deutungen, die Ich-Funktionen stabilisieren und Ressourcen aktivieren. Damit eignet sich SPSP insbesondere für Patient:innen, die von begrenzten, fokussierten Interventionen profitieren, ohne eine umfassende Restrukturierung ihrer Persönlichkeitsmuster anzustreben.
Die Schema-Therapie ist ein integratives Verfahren, das Elemente der kognitiven Verhaltenstherapie, Bindungstheorie, Gestalt- und Psychodynamik verbindet. Im Zentrum stehen „frühe maladaptive Schemata“ und sogenannte „Modi“, die auf biografischen Erfahrungen beruhen und in aktuellen Beziehungsmustern reaktiviert werden. Mit erlebnis- und beziehungsorientierten Techniken (z. B. Imagination, Stuhldialoge, „limited reparenting“) verfolgt ST das Ziel einer tiefgreifenden Veränderung dysfunktionaler Muster und der Stärkung des „gesunden Erwachsenenmodus“.
Während SPSP primär auf Stabilisierung und Unterstützung fokussiert, zielt ST auf eine Transformation tiefer Persönlichkeitsstrukturen ab.
Die randomisiert-kontrollierte Untersuchung umfasste vier Behandlungsarme:
Primäre Endpunkte waren die Veränderung depressiver Symptome (BDI-II) und das Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung nach Abschluss der Behandlung. Die Beobachtungszeit erstreckte sich über ein Jahr. Die Ergebnisse verdeutlichen ein deutliches Dosis-Wirkungs-Verhältnis. Patient:innen mit 50 Sitzungen wiesen eine stärkere Reduktion depressive Symptomatik auf (mittlere Differenz 5,6 Punkte im BDI-II; Effektgröße d = 0,53). 74 % erreichten Remission, verglichen mit 58 % in der 25-Sitzungen-Gruppe. 74 % der Patient:innen mit Persönlichkeitsstörungen in der 50-Sitzungen-Bedingung erfüllten keine Kriterien mehr, verglichen mit 56 % in der Kurzzeitgruppe. Es zeigten sich keine signifikanten Unterschiede zwischen ST und SPSP. Beide führten zu vergleichbaren Verbesserungen.
Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Therapieintensität ein wesentlicher Wirkfaktor in der Behandlung komorbider Depressionen und Persönlichkeitsstörungen ist. Die spezifische Methode – ob supportive, psychodynamische Kurzzeittherapie oder schematherapeutisch orientierte Langzeitarbeit – tritt hinter die Bedeutung der Therapiedauer zurück. Gleichzeitig wird deutlich, dass beide Verfahren ihre spezifischen Stärken besitzen. SPSP bietet einen klar strukturierten, fokussierten Rahmen, der Stabilisierung ermöglicht. ST eröffnet Möglichkeiten zur tiefgreifenden Veränderung maladaptiver Muster. Die Wahl des Verfahrens kann daher stärker von individuellen Patientenpräferenzen, Behandlungszielen und Kontextfaktoren bestimmt werden.
Die Studie von Kool et al. (2024) liefert überzeugende Evidenz, dass eine intensivere psychotherapeutische Versorgung (50 Sitzungen) bei komorbider Depression und Persönlichkeitsstörung zu signifikant besseren Ergebnissen führt als eine niedrigere Behandlungsdosis. Zwischen Schema-Therapie und SPSP bestehen keine Unterschiede in der Wirksamkeit. Für die klinische Praxis bedeutet dies, dass die Bereitstellung ausreichender zeitlicher Ressourcen entscheidend ist, um nachhaltige Verbesserungen bei dieser komplexen Patientengruppe zu erzielen.
Quelle: Kool, M., Van, H., Arntz, A., Bartak, A., Peen, J., Dil, L., de Boer, K., & Dekker, J. (2024). Dosage effects of psychodynamic and schema therapy in people with comorbid depression and personality disorder: four-arm pragmatic randomised controlled trial. The British Journal of Psychiatry, 225(274–281).