Komorbide Depressionen und Persönlichkeitsstörungen sind durch chronische Verläufe, hohe Rückfallquoten und eine ausgeprägte psychosoziale Beeinträchtigung gekennzeichnet. Therapeutisch stellen sie eine der größten Herausforderungen im klinischen Alltag dar. Die Frage nach der geeigneten Methode sowie nach der optimalen Therapiedauer ist daher von hoher klinischer Relevanz. Die vorliegende Studie (Kool et al., 2024) liefert hierzu wichtige empirische Erkenntnisse, indem sie die Wirksamkeit zweier anerkannter Verfahren – Schema-Therapie (ST) und kurzzeitige psychoanalytisch unterstützende Psychotherapie (SPSP) – in unterschiedlichen Behandlungsdosen untersucht.
Die SPSP ist ein psychodynamisch fundiertes, manualisiertes Kurzzeitverfahren. Ihr Schwerpunkt liegt in der Bearbeitung zentraler Konfliktkonstellationen innerhalb eines klar strukturierten, stützenden Rahmens. Die Therapie verzichtet weitgehend auf tiefenregressive Techniken und setzt stattdessen auf Deutungen, die Ich-Funktionen stabilisieren und Ressourcen aktivieren. Damit eignet sich SPSP insbesondere für Patient:innen, die von begrenzten, fokussierten Interventionen profitieren, ohne eine umfassende Restrukturierung ihrer Persönlichkeitsmuster anzustreben.
Die Schema-Therapie ist ein integratives Verfahren, das Elemente der kognitiven Verhaltenstherapie, Bindungstheorie, Gestalt- und Psychodynamik verbindet. Im Zentrum stehen „frühe maladaptive Schemata“ und sogenannte „Modi“, die auf biografischen Erfahrungen beruhen und in aktuellen Beziehungsmustern reaktiviert werden. Mit erlebnis- und beziehungsorientierten Techniken (z. B. Imagination, Stuhldialoge, „limited reparenting“) verfolgt ST das Ziel einer tiefgreifenden Veränderung dysfunktionaler Muster und der Stärkung des „gesunden Erwachsenenmodus“.
Während SPSP primär auf Stabilisierung und Unterstützung fokussiert, zielt ST auf eine Transformation tiefer Persönlichkeitsstrukturen ab.
Die randomisiert-kontrollierte Untersuchung umfasste vier Behandlungsarme:
Primäre Endpunkte waren die Veränderung depressiver Symptome (BDI-II) und das Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung nach Abschluss der Behandlung. Die Beobachtungszeit erstreckte sich über ein Jahr. Die Ergebnisse verdeutlichen ein deutliches Dosis-Wirkungs-Verhältnis. Patient:innen mit 50 Sitzungen wiesen eine stärkere Reduktion depressive Symptomatik auf (mittlere Differenz 5,6 Punkte im BDI-II; Effektgröße d = 0,53). 74 % erreichten Remission, verglichen mit 58 % in der 25-Sitzungen-Gruppe. 74 % der Patient:innen mit Persönlichkeitsstörungen in der 50-Sitzungen-Bedingung erfüllten keine Kriterien mehr, verglichen mit 56 % in der Kurzzeitgruppe. Es zeigten sich keine signifikanten Unterschiede zwischen ST und SPSP. Beide führten zu vergleichbaren Verbesserungen.
Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Therapieintensität ein wesentlicher Wirkfaktor in der Behandlung komorbider Depressionen und Persönlichkeitsstörungen ist. Die spezifische Methode – ob supportive, psychodynamische Kurzzeittherapie oder schematherapeutisch orientierte Langzeitarbeit – tritt hinter die Bedeutung der Therapiedauer zurück. Gleichzeitig wird deutlich, dass beide Verfahren ihre spezifischen Stärken besitzen. SPSP bietet einen klar strukturierten, fokussierten Rahmen, der Stabilisierung ermöglicht. ST eröffnet Möglichkeiten zur tiefgreifenden Veränderung maladaptiver Muster. Die Wahl des Verfahrens kann daher stärker von individuellen Patientenpräferenzen, Behandlungszielen und Kontextfaktoren bestimmt werden.
Die Studie von Kool et al. (2024) liefert überzeugende Evidenz, dass eine intensivere psychotherapeutische Versorgung (50 Sitzungen) bei komorbider Depression und Persönlichkeitsstörung zu signifikant besseren Ergebnissen führt als eine niedrigere Behandlungsdosis. Zwischen Schema-Therapie und SPSP bestehen keine Unterschiede in der Wirksamkeit. Für die klinische Praxis bedeutet dies, dass die Bereitstellung ausreichender zeitlicher Ressourcen entscheidend ist, um nachhaltige Verbesserungen bei dieser komplexen Patientengruppe zu erzielen.
Quelle: Kool, M., Van, H., Arntz, A., Bartak, A., Peen, J., Dil, L., de Boer, K., & Dekker, J. (2024). Dosage effects of psychodynamic and schema therapy in people with comorbid depression and personality disorder: four-arm pragmatic randomised controlled trial. The British Journal of Psychiatry, 225(274–281).